Ich war 20 als mein Vater an einem Hirntumor erkrankte. Das war ein Schock für uns als Familie. Die Welt war plötzlich eine andere. Die Reaktionen der Umwelt können belastend sein – und das zu einem Zeitpunkt, an dem man verletzlich ist wie nie zuvor. Um uns davor zu schützen, zogen wir uns zurück.

Als Radioonkologin und Ärztin für Psychotherapie habe ich täglich mit Menschen zu tun, die situationsbedingt starke Emotionen erleben. Viele von diesen sind negativ und nicht offen ausgelebt – Wut, Hilflosigkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit. Dann passiert es, dass du diese Gefühle im Kontakt spürst, als ob sie deine eigenen wären.

In solchen Situationen ist Aufmerksamkeit und Reflexion wichtig – dein Gegenüber erscheint recht ruhig, aber du wirst zunehmend angespannter und ärgerlicher. Und jetzt ist es wichtig, zu erkennen, woher deine Gefühle kommen. Erinnert dein Patient dich vielleicht an den cholerischen Onkel deiner Kindheit? Oder spürst du Gefühle des Patienten, die er nicht zeigen will oder kann?

Wenn du die Situation reflektierst, wird dir klar, woher dein Ärger kommt. Und sobald du das erkannt hast, verschwindet er auch wieder – der Ärger, der meist gar nie der deine war.